Kriegskinder, Kriegsenkel

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Kitty
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Kriegskinder, Kriegsenkel

Ungelesener Beitrag von Kitty » Mi, 03. Okt 2018 21:34

Ich hatte in einem anderen Thread darüber geschrieben.
Hier habe ich etwas von Sabine Bode
https://www.youtube.com/watch?v=yAHZy-g9uok

Ich hatte sehr lange meine Eltern nicht verstanden, auch meine gesamte Familie nicht. Überhaupt, empfand ich alte Menschen oftmals wie eingefroren und leblos, als wenn es dazu gehörte, in späteren Jahren sich für nichts mehr zu interessieren.

Es gab jede Menge Spannungen und Reibereien innerhalb meiner Familie wegen äußerlichen Kleinigkeiten. Ich hatte es anders gemacht, ich wollte mehr wissen, z.B. über mich, das war meinen Großeltern mehr als nur ein Dorn im Auge.

Man kann wirklich viel im Internet nachlesen, wie Frau Bode sagt, so verstehe ich z.B. dass meine Mutter sich nicht in Aufzüge traut, obwohl sie sagt, sie war niemals im Keller oder Bunker und hörte nicht die Bomben über ihrem Haus in der Großstadt einschlagen. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern und dass ist auch gut so. Aber mit einem bisschen Recherche, wann ihre Stadt zwei mal dem Erdboden gleich gemacht wurde, kann man sich ausrechnen, dass es gar nicht anders gewesen sein kann. Und deshalb wahrscheinlich auch all die vielen Verhaltensweisen, die mich ratlos und verwirrt zurückließen, dass ich bereits mit 14 wusste, Kinder, werde ich niemals haben wollen.- Die Babyboomer, so wie ich einer bin.
Familie- nein Danke!

Als ich 16 war fing sie an uns Kinder vorzuwerfen, dass wir niemals materiell etwas entbehren mussten, auch niemals Hunger, wie sie leiden mussten. Genau diese Situation konnte ich in S. Bodes Buch "Kriegsenkel" nachlesen.
Damit bin ich nicht allein, erst vor einigen Jahren fing ich an mehr über mich und meiner Familie und auch über unsere Gesellschaft zu verstehen.

Und es stimmt, auch meine Eltern interessieren sich sehr wenig über mein Leben. Immer reden sie von sich und was sie alles tun- besonders mein Vater. Möchte ich etwas erzählen, was mir wichtig ist, werde ich meist von ihm unterbrochen. Sehr lange Zeit konnte ich mit ihm nur in Kontakt treten, wenn ich seinen Themen zuhörte. Bis es mir auffiel, warum ich dabei oft unter Beklemmungen litt.

Auch dass trifft von ihr zu. Seit ich mehr über meine Eltern weiß, ich somit ihre Verhaltensweisen in einen Hintergrund sortieren kann, verstehen wir uns besser. Besonders meine Mutter ist darüber sehr dankbar. Nicht dass ich das möchte oder suche, aber ich meine, in manchen Situationen möchte meine Mutter, dass ich ihre Mutter sei, die sie niemals hatte. Verehrend für Kinder- Ihre Mutter war körperlich anwesend, aber niemals für sie da, genau wie sie nicht für mich.
Mit diesem Hintergrund konnte ich einmal ihren momentanen Verwirrtheitszustand belassen und sie trösten.

Und, sie fühlt sich immer als Opfer, immer-.
Auch das typische Schwarz- Weiß- Denken, von denen Frau Bode spricht, entdecke ich wieder. Grautöne gibt es nicht.

Einfühlsamkeit, findet man eher nicht.
Auch ich hatte schon den Eindruck, einerseits sind meine Eltern sehr gebildet, -mein Vater trägt mittlerweile den Doktor- Titel,- andererseits sind sie in gewisser Weise behindert, z.B. sich in andere hinein zu versetzen.

Auch wiederholt sich der Stress zwischen mir und meinem Bruder-

Vielleicht kann ja jmd. hier etwas damit anfangen, oder erkennt sich vielleicht darin sogar wieder.
Das wäre mir wichtig an andere weiter geben zu können.

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Elmar
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Re: Kriegskinder, Kriegsenkel

Ungelesener Beitrag von Elmar » Do, 04. Okt 2018 07:58

Im Krieg wurden die Menschen vielfach und immer wieder traumatisiert - vielfach auch danach noch.
Besonders die Frauen und vor Allem in Gebieten, die von Russen besetzt wurden.
Kein Wunde, was die Russen mit den deutschen Frauen taten, wird ihren Frauen von deutschen, zuvor angetan.
Die Leidtragenden waren immer die Schwächeren.
Dabei ist soviel zerbrochen - einfach nicht beschreiblich.
Die Kinder der Nachkriegszeit wurden von zerbrochenen Eltern und Lehrern aufgezogen - so ging das Trauma weiter.
Und heute?
Es ist erschrecken, wie überall Kriegsgeheul und extrem Rechtsradikal wieder an den Schaltstellen ist.
Schöne Grüße

Elmar

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Re: Kriegskinder, Kriegsenkel

Ungelesener Beitrag von Kitty » Do, 04. Okt 2018 12:10

Ich wollte eher darauf eingehen, wie mich das prägte.
Als ich 16 war fing sie an uns Kindern vorzuwerfen, dass wir niemals materiell etwas entbehren mussten, auch niemals Hunger, wie sie leiden mussten. Genau diese Situation konnte ich in S. Bodes Buch "Kriegsenkel" nachlesen.
Ich wollte nachfragen, ob ich ab jetzt nichts mehr zu essen bekomme, oder wie sie drauf käme? Von jetzt auf gleich damit anzufangen, denn Krieg war doch niemals Thema bei uns, ist doch schon ewig her. Ich dachte, besser nicht nach haken, vergessen, nicht dran rühren, vielleicht schmeißt sie mich wirklich vor die Tür?

Meine Mutter hätte spätestens da schon Therapie gebraucht, sie war auf uns eifersüchtig, dass wir es besser hatten als sie, was sie doch beide wollten, dass es uns (materiell) besser ging, hatten sie erreicht. Ihre Eifersucht hatte ich auch in anderen Belangen öfters erlebt, mir war aber lange nicht bewusst, dass es Eifersucht war- denn offiziell hat eine Mutter niemals auf ihre Tochter eifersüchtig zu sein.
Immer reden sie von sich und was sie alles tun- besonders mein Vater.
Interessieren sich die Eltern nicht für ihre Kinder, nehmen sich die Kinder oft selbst nicht wahr. Sie wissen nicht wer sie sind, wo ihre Neigungen liegen, was ihre Interessen sind. Tauchen Probleme auf, fallen ihre Interessensgebiete zusammen, denn sie scheinen unwichtig zu sein. Denn dass die Eltern sich nicht interessierten, war ja nicht erst, als ich Mitte 30 war, schon immer gab es wenig Interesse an mir, seitens meiner Eltern.

Besonders Kinder haben niemanden mit dem sie Schwierigkeiten besprechen können, denn Schwierigkeiten die Kinder oder Heranwachsende haben, sind in ihren Augen nichts wert. Sie haben schließlich den Krieg überlebt.
Jugendliche können nicht von jetzt auf sofort mit Widerständen umgehen, sie müssen es erst lernen, in dem sie jmd. im Hintergrund haben, der sie immer wieder ermuntert, ihre Interessen oder Meinungen über best. Themen weiterhin wahr zu nehmen und zu vertreten.
Einfühlsamkeit, findet man eher nicht.
Wenn Eltern nicht einfühlsam auf Umgebung, wie auch ihre Kinder eingehen, können diese auch nicht einfühlsam lernen, sich selbst zu verstehen. Da gibt es niemanden, der dem Kind vermittelt, dass das Kind rumschreit, weil es gerade wütend ist. Das Kind weiß nicht, dass es wütend ist. Wenn Vorwürfe kommen, die vermitteln, dass das Kind ständig schreit, denkt das Kind über sich, es ist unmöglich, schreit, weil es schreien will und führt sich nur auf, weil es andere z.B. vorsätzlich ärgern möchte. Das Kind lernt nicht seine Bedürfnisse in Worte zu fassen.

Auch wenn insgesamt keine Grautöne der verschiedenen Stimmungen innerhalb der Familie wahrgenommen werden und somit keinen Platz haben, übernehmen Kinder die emotionale Betäubung der Eltern.
Was übrig bleibt, ist größte Verwirrung, warum man so ist, wie man ist, man versteht sich selbst und die Welt nicht. Aufs Leben ist man so gut wie nicht vorbereitet worden.

Der Stress geht weiter, die Eltern setzen ihre Kinder emotional unter Druck, wenn diese nicht funktionieren, wie sie es für ihre Sprösslinge vorsehen.

Außerdem kleben die Kinder weiterhin an den Eltern. Warum das so ist, kann ich momentan nicht in Worte fassen. Ich glaube, noch weitere Komponenten stehen im Raum, weil die Welt für die Eltern weiterhin nicht verlässlich scheint, müssen die Kinder ihren Eltern bei stehen und dürfen sich von ihnen nicht lösen und ihren eigenen Weg gehen.

Lösungen gibt es ja nicht, über nichts darf gesprochen werden. Emotionen in unserer Familie waren lange Zeit mit Peinlichkeit behaftet, wenn man Ängste benennen wollte wurde man sofort verdächtigt ein Versager zu sein.
Wie, als wenn man mit einem Bein im Gefängnis saß :)
Bzw. musste man damit rechnen sofort im Außen zu stehen, nicht mehr zur Familie zu gehören. Das ist wie Knast :mrgreen:

Man kann auch sagen, der äußerliche Krieg führt zu Kriegen innerhalb der Familien.
Die nicht Aufarbeitung innerhalb der Familien, kann wiederum zu äußerlichen Kriegen der Nationen führen.

Bestimmt gibt es noch viele Aspekte mehr, auf die Fachleute eingehen könnten. Denn ich sehe mich nicht dafür zuständig auf unsere momentane Stimmung innerhalb Deutschlands hinzuweisen. Ich denke, die allgemeine Sprachlosigkeit findet man dort auch wieder.

nmeyer
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Re: Kriegskinder, Kriegsenkel

Ungelesener Beitrag von nmeyer » Di, 06. Nov 2018 10:40

Manche Menschen leben immer nur in der Vergangenheit...

Kitty
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Re: Kriegskinder, Kriegsenkel

Ungelesener Beitrag von Kitty » Do, 08. Nov 2018 21:56

nmeyer hat geschrieben:
Di, 06. Nov 2018 10:40
Manche Menschen leben immer nur in der Vergangenheit...
Wie darf ich das verstehen?

Kitty
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Re: Kriegskinder, Kriegsenkel

Ungelesener Beitrag von Kitty » Mi, 09. Jan 2019 22:23

Ich habe jetzt etwas gehört und dass passt genau.
Die Nachkommen, die Kinder der Kriegsgeneration haben ein Recht zu erfahren, was passiert war.

Die Generation kann aber nicht reden. Nicht weil sie nicht will, sondern weil sie nicht kann. Weil in dem Moment, wenn sie darüber sprechen, sie völlig in diesen alten Situationen gefangen sind.
Sie haben keinen Abstand, nur wenn sie es verdrängen, gewinnen sie Abstand, also wird weiter verdrängt.
Und doch kommen diese Dinge im Alltag durch, ohne dass sie es beeinflussen können.
Die Nachkommen wundern sich, was mit ihren Eltern ist, warum sie plötzlich aus heiterem Himmel anfangen zu schreien.
Äußerlich ist nicht viel passiert, außer dass dem Kind vielleicht ein Patzer passiert ist, wenn überhaupt.

Und hier mache ich den Schwenk zu meiner Mutter, ich konnte nie wissen, was sogleich passiert. Ich bewegte mich ständig auf unsicherem Boden. Da war kein sicherer Boden unter meinen Füßen. Es konnte sein, dass ich sogleich für etwas verantwortlich gemacht wurde, was ich in meinen jungen Jahren gar nicht einordnen, denn verstehen konnte. Urplötzlich ließ sie die Sau an mir heraus, wegen nichts. Kinder kann das aber verängstigen, besonders, wenn von Außen kein Regulativ vorhanden ist, kein Schutz, kein gar nichts.

Hätte ich nicht so viel für mich aufgearbeitet und schließlich und endlich Erkenntnisse darüber gewonnen, in welcher Zeit und Lage sie aufwuchs, wäre ich noch heute in ihren Erlebnissen gefangen, hätte ich Angst vor ihr, würde es ihr weiter recht machen wollen, wäre ich in diesem permanentem schlechten Gewissen, was sie mir einredete (denn irgendjemand muss ja Verantwortlich an ihrer Situation sein und seien es ihre eigenen Kinder) weiterhin gefangen, dieser ganze Wahnsinn würde mich heute noch begleiten.

Aber ich merke, wie ich an manchen Punkten im Leben leider noch hänge und von alleine nicht weiterkomme. Das macht sauer, wütend, man dreht sich im Kreis und macht depressiv. Das ist richtig....
dann kann man sich ja gezielt Hilfe suchen.

Aber leider können Psychologen können schräg drauf sein, zum davonlaufen. Die sind selbst oft krank und stehen kurz vorm Suizid.
Oder sie stellen sich höher als ihre Patienten und alen sich in ihrer Machtposition, hinter der sie sich verstecken und diese nicht klar anprechen, dass es so ist, wie es nunmal ist.
Nicht immer ist man bei ihnen in guten Händen.
Da muss man leider sehr genau auf sich aufpassen. Wirklich prekär in Deutschland diese Situation.

Ich gehe noch mal zurück zu dem Abstand, den die Eltern nicht vermitteln konnten.
Den Abstand zu alten Dingen müssen dann die nächste Generation leisten, wenn sie nicht anders können. Niemand hat Bock drauf, auf diese Aufgabe. Aber sie kann nunmal höchst Erkenntnisreich sein.

Dazu muss man erst einmal Ahnung von der Materie haben.
Man kann sich ausmalen, was sie erlebte. Steht z.B. auf Wikipedia, wenn man weiß wo, wann sie geboren wurde und lebte, ist z.B. ein leichtes nachzulesen, was sie verdrängt.

Seit ich Abstand gewonnen habe, konnte ich meiner Familie einen gewissen Frieden vermitteln.
Wenn man das ganze durchspielt wird auch klar, was man selber nicht aufarbeitet, gibt man, wenn man welche hat, an seine Kinder weiter, die es wiederum an ihre Kinder weitergeben, falls diese welche haben... usw. und wird bis in die über- übernächste Generation möglicherweise weitergetragen.

Man findet dieses Thema aber auch möglicherweise in unsererer aktuellen Politik wieder, ein ganzes Volk, was nicht aufarbeitet. Dazu wären aber Politikwissenschaftler beauftragt, sich dass mal näher anzuschauen und ihre gewonnenen Erkenntnisse auszuplaudern, wahrscheinlich findet man da wirklich vieles wieder ...

Mein Vater ist dankbar für meine "Vermittlungsarbeit". Er sagt heute, Fehler hat er sicherlich gemacht. Er weiß jedoch nicht welche.
Ich sagte ihm, er soll dass alles mal nicht so persönlich nehmen, was sein Sohn alles von sich lässt. Sei dir sicher, eigentlich bedeutest du ihm sehr, sehr viel.

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